Die Elfe Abigail Gloriella und der Riese Stani

Die Elfe Abigail Gloriella ist gerade dabei, den Wanderameisen ein paar fröhliche Wanderlieder beizubringen, als sie eine Nachricht vom großen, weiten Wurzelnetz der Moose und Flechten erreicht.

Es herrscht große Aufregung. Der Riese ist in Gefahr.

Die Menschen, denen so viele Geheimnisse noch verborgen sind, halten den Riesen für ein Gebirge. Und dieser Riese heißt Stani.

Stani bewegt sich unendlich langsam – sein Zeitempfinden ist ein gänzlich anderes als das der Menschen. Und es ist nicht nur das Zeitempfinden – er lebt in einer anderen Dimension, so etwas wie einer Parallelwelt. Für Menschen ist das äußerst schwer zu verstehen, und so glauben sie, der Riese Stani sei ein Berg.

Stani kümmert sich liebevoll um all das Leben auf und um ihn herum. Durch seine Pflege wachsen die Bäume und alle anderen Pflanzen besonders kräftig. Er sorgt sich um all die Bäche und Flüsse in seiner Nähe. So kommt es nie zu Überschwemmungen. All die Tiere in seiner Umgebung beschützt und betreut er.

Eine besondere Freude hat er an den Wildbienen, die sich in einem alten, morschen Baum eingenistet haben. Er lässt immer ausreichend blühende Pflanzen rings um den Bienenstock herum wachsen und freut sich, wenn die emsigen Bienen von Blüte zu Blüte tanzen.

Oh, und wie liebt er ihren süßen Honig!

Kurz gesagt, dank Stani blüht und gedeiht alles in perfekter Harmonie.

Über den Riesen Stani wachen die Adler, die in seinem Haupt ihr Nest gebaut haben. Immer wieder kreisen sie am Himmel über dem Riesen und achten auf mögliche Gefahren. Adler können mit ihren Adleraugen in sämtliche Dimensionen der Zeit blicken und sich vom Wind von da nach dort tragen lassen.

Die Adler haben die Gefahr als erstes erkannt: Menschen sind dabei, Brücken zu bauen über Schluchten, und sie bauen Straßen. Dabei kommen sie Stani immer näher.

Ein besonders „wichtiger und kluger“ Ingenieur hat ausgerechnet, dass man sehr viel Zeit sparen kann, um von A nach B zu kommen, wenn eben diese Brücken und Straßen – und vor allem dann ein Tunnel durch den Berg – gebaut werden würden.

Wenn die Bauarbeiten weitergehen, würden Stani die Aktivitäten der Menschen zuerst nur etwas kitzeln oder jucken und es könnte sein, dass er sich kratzt, was zu Erdbeben führen könnte. Müsste er niesen, käme das einem fürchterlichen Sturm gleich, der viel Zerstörung mit sich bringen würde. Je näher die Menschen kommen, um so mehr wäre das Leben des Riesen in Gefahr.

Die gesamte Natur auf und um den Riesen herum würde zerstört werden. Es wäre das Ende von Stani.

Die Adler haben die nahende Katastrophe mit ihrem Weitblick erkannt und die Information an das große, weite Wurzelnetz der Moose und Flechten weitergegeben.

Und so erreicht diese schlimme Nachricht auch Abigail, die kleine musikalische Elfe.

Jetzt heißt es schnell überlegen und einen Plan zur Rettung von Stani schmieden.

„Wir könnten“, meinen die Adler, „mit Hilfe der Zeit und deren Dimensionen eine Zeitverdrehung und Verschiebung herbeiführen. Das würde dann dazu führen, dass die Menschen, sobald sie eine bestimmte Linie überschreiten, so verwirrt werden, dass sie alles vergessen, sich verlaufen und nur mühsam wieder zurückfinden in ihre Zeit. Das wäre eine Möglichkeit, die allerdings die Gefahr in sich birgt, dem einen oder anderen Menschen zu schaden.“

„Eine andere Möglichkeit wäre“, meint der Maulwurf, „mit diversen unterirdischen Magnetfeldern da und dort die technischen Geräte der Menschen zu stören. Ich werde gleich mit den Zwergen und Gnomen sprechen, die können uns hierbei helfen.“

Auch die Rosen wollen helfen und schlagen vor, eine besonders dichte und undurchdringliche Dornenhecke rund um Stani wachsen zu lassen – so wie einst bei Dornröschen, da hat das ja auch schon funktioniert.

Die Ameisen wollen sich mit Hilfe von Luftspiegelungen als großes Ungeheuer präsentieren und so die Menschen in die Flucht schlagen.

Und die Bienen, der Bär, der so gerne Honig nascht, alle Vögel und Pflanzen, ja alle Lebewesen ringsumher wollen helfen, den Riesen vor der drohenden Gefahr zu retten.

Die Elfe Abigail Gloriella, auch Abby genannt, hat plötzlich auch eine gute Idee und spricht zu ihren Freunden: „Meine Lieben, lasst uns doch alle zusammenhelfen. Wir wollen alle eure Ideen in die Tat umsetzen und ich lehre euch ein besonderes Lied, das jeden Menschen schläfrig macht. Die Menschen, die es hören, werden einschlafen und einen besonderen Traum träumen. Wenn sie dann aufwachen, sind all die Straßen- und Tunnelbaupläne vergessen, ja noch besser, diese Pläne verwandeln sich in Ideen zur Erhaltung und den Schutz der Natur. Das Lied müsste ständig gesungen werden, und dabei wechseln wir uns ab, wir sind ja so viele. Mal sind es die Vögel, mal der Wind in den Bäumen, mal die Bienen und Insekten, die Flüsse und Bäche … Jeder singt, wann immer er möchte und kann.“

„Auch Steine können singen – leise zwar, aber sehr eindringlich“, unterbricht ein kleiner Fels die Elfe Abigail, „auch wir machen mit.“

Voller Begeisterung spricht Abby weiter: „Ja, lasst uns all das tun, starten wir mit der Umsetzung unserer Ideen und beginnen wir sofort mit dem Einstudieren des magischen Liedes, damit jeder es singen und weiterverbreiten kann. Auch über das große, weite Wurzelwerk der Moose und Flechten möge es gesendet werden.“

Alle freuen sich, so eine gute Lösung zur Rettung des Riesen gefunden zu haben.

Auch Stani, der all das neugierig verfolgt hat, lächelt froh, dreht sich ganz langsam ein wenig auf die Seite, um bequem zu liegen, und beobachtet wieder seine geliebten Bienen.

Und er denkt bei sich: Danke, liebe Elfe Abigail Gloriella, und ich bin so dankbar für all meine lieben Freunde. Was für wunderbare Ideen. Ganz besonders freue ich mich über die wunderschöne Musik, die mich in Zukunft immer umgeben wird.