
Friederike, die Tannenwipfelelfe
Friederike, von ihren Freunden meist Rike genannt, ist eine kleine Tannenwipfelelfe. Sie trägt ein grünes Kleidchen, ist ein bisschen stachelig – aber gleichzeitig auch ganz zart – und sie liebt den Wind und das Gefühl der Weite.
Oft sitzt sie ganz oben auf der hohen, majestätischen alten Tanne. Hier hat sie ihren Lieblingsplatz – sie nennt ihn Tannenwipfelgipfelplatz.
Die Sonne ist gerade aufgegangen und taucht mit ihren hellen Strahlen alles in ein warmes Licht. Die Elfe Friederike sitzt auf ihrem Tannenwipfelgipfelplatz und macht ein paar Atemübungen. Oh, wie liebt sie diesen würzigen Duft der Tanne! „Jetzt gleich noch ein paar Turnübungen, das ist der perfekte Start in den Tag“, denkt sie und freut sich über die wunderschöne Aussicht.
Da flattert ganz aufgeregt Frau Rotkehlchen daher. „Oje, oje, stell dir vor, liebe kleine Rike – aber erst mal einen schönen guten Morgen wünsche ich – also stell dir vor, meine kleine Aurelie hustet schon die ganze Nacht, ich weiß gar nicht, was ich machen soll, oje, oje – tschip tschip tschip tschip“, zwitschert sie und hüpft dabei von einem Beinchen aufs andere.
Rike berührt sie ganz sanft am Flügelchen und meint dann: „Liebste Freundin, da habe ich etwas ganz Feines für dich. Hier bring deiner kleinen Aurelie etwas von meinem Tannenwipfelsirup. Damit wird es ihr schon bald wieder besser gehen.“
„Vielen Dank, liebe Rike“, zwitschert Frau Rotkehlchen, „so ein Glück, dass ich dich getroffen habe – tschip tschip tschip tschip – apropos getroffen – da muss ich dir noch schnell was erzählen – tschip tschip tschip tschip – also gestern Morgen sitz ich so auf meinem Lieblings-Ästchen, da kommt Bruder Andreas vorbei – du weißt schon, der freundliche Mönch aus dem Kloster am Fuße des Berges – tschip tschip tschip tschip – und Bruder Andreas spricht so vor sich hin, und stell dir vor, was ich da aufgeschnappt habe – tschip tschip tschip tschip – also: Bruder Andreas sagte: ,Der Mistkäfer hat eine ganz andere Vorstellung vom Paradies.‘ Naja, und jetzt bin ich ganz verwirrt – tschip tschip tschip tschip – hat er unseren Mistkäfer gemeint? Das kann ich mir so gar nicht vorstellen – unserMistkäfer, der nur schweigsam seine Mistkügelchen rollt und kaum ein Wort spricht – tschip tschip tschip tschip – was meinst du, liebste Rike, glaubst du, der unterhält sich mit Bruder Andreas über das Paradies? Naja, wie auch immer –tschip tschip tschip tschip – ich muss jetzt aber schnell weiter, jetzt hätte ich mich doch beinahe verzwitschert …“, zwitschert Frau Rotkehlchen und fliegt davon.
Oh, wie kann man in so kurzer Zeit nur so viel zwitschern – der kleinen Elfe Friederike schwirrt der Kopf.
Aber jetzt ist es höchste Zeit. Rike hat ihrer Freundin, dem Waldkäuzchen Leila versprochen, den Tag mit ihr zu verbringen.
Leila hat eine gemütliche kleine Wohnung in einer knorrigen alten Rotbuche. Jetzt sitzt sie aber schon ganz in der Nähe auf einem Tannenzweig, der mit ihr sacht auf und ab schaukelt.
Leila hat den Besuch von Frau Rotkehlchen staunend beobachtet und alles mitangehört. „Ja, ja, der gute, mürrische Mistkäfer“, meint sie nur. Damit ist diese Geschichte für sie auch schon wieder erledigt.
„Komm liebe Rike, es ist heute so ein schöner Tag. Wir machen jetzt erst mal einen kleinen Rundflug. Mach es dir bequem in meinem Federkleid.“
Das lässt sich die Elfe Friederike nicht zweimal sagen. Schon sitzt sie gut geschützt und sicher auf Leilas Rücken. Lautlos gleiten sie – getragen vom Wind – über das langsam erwachende Tal.